Ist dieser Garten klimaerwärmt?
15. Februar 2008
Angesichts des Klimawandels machen sich auch Gärtner Gedanken über die Zukunft ihrer geliebten Betätigungsparzellen (siehe z.B. diesen Beitrag im Gärtner-Blog). Einige, die mit der Gärtnerei nur wenig anfangen können, denken vielleicht, dass einfach andere Pflanzenarten angepflanzt werden, und dass sich das Nutz- und Zierpflanzenspektrum in Gärten einfach ein bisschen (oder ein bisschen mehr) zu wärmetoleranteren Arten hin verschiebt. Also kein Grund zur Sorge? Vielleicht freuen manche sich sogar auf Carob, Papaya, Ananas, Bananen aus Mitteleuropa. So weit ist es aber (zum Glück) noch lange nicht; eine solch drastische Verschiebung der Klimazonen ist weder wahrscheinlich noch wünschenswert.
Ein Garten ist für viele etwas Besonderes, ein Lebenswerk und Lebensinhalt, Inbegriff einer Existenz, die mehr kennt als Erwerbsarbeit. Der Garten repräsentiert einen locus amoenus, ein Stück Paradies auf Erden.
Ein Garten ist demnach nicht ein Plätzchen freie Natur, in dem man entspannen und ausruhen kann, vielmehr spiegelt er einen ursprünglichen Ort menschlicher Kultur wieder. In diesem Sinne ist er gerade nicht Natur. Ein Garten bedeutet nicht ‚back to the nature’, sondern ‚back to the roots’. Er ist die menschliche Bearbeitung eines Ensembles mehr oder weniger natürlicher Lebensformen. Weniger natürlich, weil einige Zierpflanzenarten so lange und intensiv gezüchtet worden sind, dass sie mit ihrer Ausgangsart nur noch recht viel zu tun haben, aber ihr durchaus nicht mehr entsprechen. Sorten, Hybriden und Varietäten, das sind in der Regel die Objekte der Gärtnerei. Häufig hindert man auch die Natur an ihrem Wirken; Moospolster und Pilze im Rasen sind nicht erwünscht und müssen eradiziert werden.
Einige Gartentypen haben eine so große symbolische Bedeutung, dass man annehmen kann, das Wohl einer ganzen Nation ist von dem Zustand ihrer Gärten abhängig. In Großbritannien macht man sich Sorgen um die Zukunft des englischen Rasens und des englischen Country Garden (vgl. z.B. hier):
“Time might be running out for the English country garden and the great British lawn. Some of the best loved features of UK gardens are under threat as a result of the impact of climate change. Climate change will affect millions of domestic gardens in the UK and could ultimately threaten the long-term survival of some historic and public gardens and parks and their plant collections. Within the next 50 to 80 years, the quintessential ‘English country garden’ and the great British lawn could become increasingly difficult and costly to maintain and some traditional garden features may have to be replaced by new ones, more suited to changing conditions.“
Wenn ein Garten also gar nicht ein Fleckchen Natur darstellt, dann fungiert er doch auch nicht als eine Kohlenstoffsenke, wie es andere natürlichere Ökosysteme tun (z.B. Wälder). Nun, wir haben Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende gegärtnert, ohne eine Klimaerwärmung gezündet zu haben. In diesem Sinne ist ein Garten, sei er auch noch so naturfremd sicher weniger klimaschädlich als ein Autobahnkreuz oder ein Parkhaus. Der Gärtner aber, der sein bevorzugtes Gartenensemble im Sommer regelmäßig bewässern muss, der große Mengen synthetische Düngemittel verwendet, der ein Swimming-Pool errichtet hat, Rasenmäher und Laubbläser mit Dieselantrieb verwendet und am Abend effektvoll illuminiert verhält sich nicht gerade klimafreundlich. Solch ein Garten kostet Geld und die Rechnung spiegelt auch den Kohlendioxidausstoß wieder.
Aber was kommt denn nun mit dem Klimawandel auf die Gärtner zu? Einige Fachleute gehen davon aus, dass viele der traditionell angepflanzten Arten unter dem veränderten Klima leiden werden, dass es aber andere Arten gibt, die nun besser gedeihen und die auch schon im Zierpflanzenhandel verfügbar sind. Die Gärtner werden also mehr experimentieren mit dem Pool an Arten, der ihnen zur Verfügung steht. Ob nun in mitteleuropäischen Gärten die Blütezeit der Kakteen und großen Horstgräser ansteht, bleibt fraglich. Vielleicht entwickeln sich aber sogar Strategien, die auch in der Landwirtschaft vorteilhaft sein können.
Allerdings könnte es sein, dass der Pool an Arten, der den Gärtnern zur Verfügung steht, kleiner wird. Dass der Klimawandel in Gang gebracht ist, bedeutet ja nicht einfach nur, dass die Durchschnittstemperatur ansteigt, dass die Winter milder und die Sommer trockener und heißer werden. Es erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit von Extremereignissen, was viele Gartenpflanzen nicht so gut vertragen. Hinzu kommt die Wahrscheinlichkeit, dass die Pflanzen des Gärtners von Schädlingen und Krankheitserregern attackiert werden, die bisher in einem Gebiet nicht vorgekommen sind.
Wir ziehen ein, vielleicht vorschnelles, Fazit: Der Klimawandel bringt Bewegung in den Garten, die Gärtner können sich nicht mehr auf ihre bisherigen Erfahrungen verlassen. Sie fangen an zu experimentieren mit anderen Pflanzenarten und anderen Ensembles und Elementen. Dadurch werden sich vorübergehend die Artenvielfalt der Gärten und die Vielfalt der Gärten überhaupt vergrößern. Auch werden Gärtner gewissenhafter beobachten, sie werden ihre Experimente protokollieren, sie werden das Wetter genauer beobachten, und sie werden auf die Phänologie ihrer Pflanzen achten und diese vielleicht sogar aufzeichnen und der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Sie werden ihre botanischen Kenntnisse erweitern müssen, sich aber auch mit der Identifikation bisher unbekannter Krankheiten und Schädlingen auseinandersetzen.
Wenn der Garten, das Sinnbild menschlicher Kultur, plötzlich dermaßen in Dynamik gerät, dann geschieht wohl nichts weniger, als dass ein neues Zeitalter der Menschheit anbricht.
Quellen:
Marris, E. (2007): A Garden for all Climates. In: Nature 450 (13. Dezember 2007), S. 937-939.
Royal Horticultural Society: Gardening in the Global Greenhouse. Internet: http://www.rhs.org.uk/research/climate_change/index.asp (15.01.2008).
The New York Botanical Garden: Climate Change and the Garden. Internet: http://www.nybg.org/climate_change/climate_change_index07.php (15.01.2008).
UKTV Gardens: Climate Change Garden. Internet: http://uktv.co.uk/gardens/stepbystep/aid/588525 (15.01.2008).
